SaaSpocalypse Now – Bedrohung oder Chance?

Kevin Gruber
15. Mai 2026

Seit OpenAI vor gut drei Jahren ihr generatives Sprachmodell GPT 3.5 veröffentlicht hat, kennt der Hype um das Thema Künstliche Intelligenz (KI) keine Grenzen mehr. Tech-Giganten wie Alphabet (ehem. Google), Meta (ehem. Facebook), Amazon und der Chiphersteller NVIDIA pumpen dreistellige Milliardenbeträge in die Entwicklung von Modellen und den Ausbau von Infrastruktur und Rechenzentren.

In einzelnen Branchen wie der Kreativwirtschaft (z.B. bei Content-/Texterstellung, Design, Übersetzungen), im Kundenservice (z.B. bei KI-Telefonassistenten) und im Research-Bereich haben die neuen Tools die Arbeitsweisen bereits grundlegend „umgekrempelt“. Konkrete, disruptive Anwendungen deuten sich für viele weitere Sektoren an und setzen Unternehmen zunehmend unter Anpassungsdruck. Was den Aktienmarkt seit Jahresanfang aber besonders umtreibt, sind die möglichen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf Software-Unternehmen.

Welche Bedenken existieren?

Das klassische Software-Geschäftsmodell erscheint vor allem an drei Fronten angreifbar:

  • Erosion des „Seat-based“-Modells: Viele Softwareanbieter setzen auf das sog. SaaS-Modell (Software-as-a-Service), d.h. sie berechnen ihren Kunden Lizenzkosten in Abhängigkeit von der Anzahl der Nutzerzugänge. Wenn ein KI-Agent zukünftig die Arbeit von mehreren Menschen erledigt, benötigt das Unternehmen weniger Lizenzen – das klassische Lizenzmodell droht zu erodieren
  • Angriff durch neue Wettbewerber: Früher waren komplexe Softwareprodukte schwer zu kopieren. Heute können KI-Modelle Code in Sekundenschnelle generieren. Das ermöglicht Startups potenziell, etablierte Player mit schlanken Alternativen anzugreifen
  • Do-it-Yourself bei Software-Nutzern: Kunden könnten versuchen, Nicht-Kern-Lösungen und einfachere Applikationen zunehmend durch selbstentwickelte Systeme zu ersetzen.

Am Aktienmarkt hat die Angst vor diesen „Bedrohungen“ dazu geführt, die bis vor kurzem „üppigen“ Bewertungs-Multiples für Softwareanbieter zu hinterfragen. Konkret hat dies zu einer pauschalen „Abwertung“ des Softwaresektors in den vergangenen Monaten geführt (siehe Grafik 1) – seit Ende Oktober haben Softwareaktien im Schnitt rund 25% ihres Werts verloren.

Grafik 1: Indexentwicklung MSCI World Software vs. MSCI World

Quelle: onvista; MSCI World (USD), MSCI World Software & Services (USD), jeweils rebasiert auf 100 Indexpunkt per 29.10.2025

Positive Faktoren werden ausgeblendet

Möglicherweise ist diese pauschale Abwertung aber zu pessimistisch. Software-Unternehmen profitieren in der Breite von mehreren positiven Entwicklungen durch die Künstliche Intelligenz:

  • Massive Effizienzsteigerung in der Entwicklung: Durch KI-gestützte Coding-Tools (wie GitHub Copilot und Claude) kann Software deutlich schneller und kostengünstiger entwickelt werden
  • Höherer Nutzwert für Kunden und Upselling-Potenzial: KI-basierte neue Features machen bereits installierte Produkte für Kunden breiter anwendbar und damit wertvoller
  • Gesteigerte Kundenbindung (Stickiness): Wenn eine Software die Daten eines Kunden nutzt, um maßgeschneiderte Workflows und KI-Modelle zu trainieren, wird ein Wechsel zur Konkurrenz technisch und operativ schwieriger.

Viele Experten (inkl. unserer auf das Softwaresegment fokussierten Fondsmanager) prognostizieren eine Zweiteilung des Marktes in „Profiteure“ und „Verlierer“ (Siehe Grafik 2).

Grafik 2: Mögliche Evolution des Software-Segments

Quelle: Circle Eleven, Circle Eleven-Zielfondsmanager

Analyse des Circle Eleven-Bestandsportfolios

Unter den aktiven (also noch nicht verkauften) Portfoliounternehmen der Circle Eleven-Fonds befinden sich knapp 200 Softwareunternehmen. Das sind gut 20% des Gesamtbestands (gemessen auf Basis der investierten Kosten). Eine Detail-Analyse dieser Unternehmen zeigt, dass gut ein Viertel den Kategorien „KI-native“ bzw. „KI-enabled“ zuzuordnen sind (siehe Grafik 3). Diese Anbieter sind damit im sich entwickelnden Markt sehr aussichtsreich positioniert.

Grafik 3: Verteilung der Software-Unternehmen im Circle Eleven-Portfolio

Quelle: Circle Eleven-Analyse, Google Gemini; Anzahl-gewichtete Darstellung der aktiven Portfoliounternehmen

Konkrete Beispiele für KI-native Unternehmen sind etwa Vectra AI (KI-basierte Sicherheitslösung für Netzwerke), aidoc (Diagnose- und Entscheidungsunterstützung für Ärzte) und Evisort (KI-gestützte Vertragsgenerierung und -Management). Unter die KI-enabled Unternehmen zählen unter anderem Zendesk (KI-gestützte Kundenservice-Software), das Münchener „10-Mrd. Unicorn“ Celonis (KI-unterstützte Analyse von Geschäftsprozessen) oder das TCV-Investment Relex Solutions (KI-getriebene Lösung zur Planung von Produktions- und Handelsabläufen).

Auch im Bereich der „traditionellen Software“-Unternehmen dominieren Anbieter mit Lösungen, die tief in die Daten- und Kernprozesse ihrer Kunden integriert sind. Hier kann ein substanzieller Teil im Hinblick auf die KI-“Umwälzung“ als Profiteure oder zumindest als „neutral“ eingestuft werden. Als klare „Verlierer“ würden wir aktuell weniger als ein Dutzend der Software-Unternehmen im Portfolio ansehen.

Fazit: die quartalsweise Bewertung von Private Equity-Portfoliounternehmen erfolgt vor allem auf Basis von sog. Market Comparables und orientiert sich damit eng an der Kursentwicklung „vergleichbarer“ Aktien. Für Softwareunternehmen in unserem Portfolio ist deshalb für die Bewertung per 31.03.2026 mit moderaten Bewertungsabschlägen zu rechnen. Insgesamt überwiegen im Portfolio aber klar die KI-„Profiteure“ – die historischen Renditeerwartungen sollten damit mittel- bis langfristig nicht beeinträchtigt sein.

 

Neue Investments im Software-Bereich

Der Trend zur umfassenden, teils kompletten Digitalisierung vieler Branchen beschleunigt sich weiter. KI dürfte hier in fast allen Fällen eine zentrale Rolle spielen. Für diese Einsatzgebiete wird auch in Zukunft Spezial-Software benötigt, die von professionellen Anbietern entwickelt und betreut wird.

Entscheidend für den Erfolg zukünftiger Software-Investitionen wird aber noch stärker als bisher die Fähigkeit des Fondsmanagers sein. Notwendig sind:

  • Eine klare Vision, wohin die Software-Branche als Ganzes tendiert und welche Geschäftsmodelle zukunftsfähig sind
  • Langjährige Erfahrung, wie Unternehmen im dynamischen, sich schnell wandelnden Umfeld entwickelt werden müssen
  • Eine enge Begleitung der Portfoliounternehmen, vor allem mit Unterstützung durch Spezialisten-Teams des Fondsmanagers

 

Für den Circle Eleven-Ansatz bedeutet das:

  • Die breite Diversifikation über Branchen und Regionen macht Sinn, aber Software bleibt auch oder gerade bei Private Equity-Investitionen eine sinnvolle Beimischung
  • Gerade im Software-Segment ist der Fokus auf erfahrene und nachgewiesen erfolgreiche Fondsmanager wie Main Capital, TA Associates, STG oder Monterro entscheidend
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Kevin Gruber
Kevin Gruber

Partner, Research

Bei Circle Eleven ist Kevin für die Bereiche Research, IT sowie Risikomanagement verantwortlich. Er startete seine Karriere 2001 bei der Strategieberatung Oliver Wyman und wechselte 2007 als Head of Research & IT zum Münchener Private Equity-Dachfondsmanager von Braun & Schreiber. Ab 2015 war er Geschäftsführer des PE-Fintechs Asset Metrix. 2020 ist Kevin als Partner zur Circle Eleven gestoßen.

  • kg@circleeleven.com
  • Linkedin

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